Dieser Brief eines ehemaligen „Ostarbeiters" ist auch noch nach über 50 Jahren voller Wut und Verzweiflung. Einen verglichen damit fast zurückhaltenden Ton trifft man dagegen in dem Tagebucheintrag, den der damals noch nicht 22jährige holländische Student Cornelis Louwerse (geb. 13.4.1923) unmittelbar nach dem Geschehen gemacht hat. Louwerse hatte sich wie viele andere niederländische Studenten auch geweigert, die geforderte Loyalitätserklärung für Deutschland zu unterschreiben und war deshalb gemeinsam mit vielen Gesinnungsgenossen im Mai 1943 nach Deutschland deportiert worden. Er arbeitete im Flakzeugamt als Ladearbeiter; Untergebracht war er im Lager Egelsberg. Vom 16. Dezember 1944 bis zum 6. April 1945 führte er Tagebuch. Obwohl auch er während des Angriffs Ängste ausstand – er machte sich vor allem Sorgen um seine ukrainische Freundin, die im Lager Schützenplatz untergebracht war – ist Louwerse schon während des Angriffs in viel stärkerem Maße (teilnehmender) Beobachter als dies Oserjankij auch im Abstand vieler Jahrzehnte jemals gelungen ist.
Louwerse hat nicht nur Tagebuch geschrieben, sondern auch Fotos gemacht, allerdings nicht vom Lager Schützenplatz, sondern nur vom Flakzeugamt und seinem eigenen Lager Egelsberg, das am 9. Februar 1945 bombardiert wurde. Nach dem Ende des Krieges dokumentierte er mit seinen Fotos die Bombenschäden. "Was übrigblieb…" betitelte C. Louwerse das Fotoalbum mit diesen Fotos – ein kleiner, stiller Trumpf über das erlittene Unrecht und die ausgehaltenen körperlichen und seelischen Strapazen.
Sein Tagebucheintrag für den 1. Januar 1945 (die unterstrichenen Wörter sind auch im Original Deutsch):
1.1.1945. Wir [seine ukrainische Freundin Sonja und Louwerse] gingen um zehn Uhr zur Kirche. Nach dem Kirchgang ging sie zum Lager Schützenplatz. Willem [ein Freund] und ich gingen weiter. Wir holten unsere Fressnäpfe und wollten [..] Essen gehen, als es Alarm gab. Wir gingen nicht in den Keller im Klein Hagen [dort gab es einen Luftschutzkeller] sondern in den Keller bei der Kantine, um nach der Entwarnung so schnell wie möglich das Essen zu bekommen. Plötzlich fielen in der Richtung der Stadt Bomben. Ich bat Willem, mein Essen zu holen, und ging selbst nachsehen, was da los war. Als ich die Leinebrücke erreichte, sagte ein Soldat: „Deine Baracke steht in Flammen." Ich drehte mich um und sah schwarzen Rauch. Kurze Zeit später sah ich im Russenlager Baracken brennen. Überall liefen mit Sack und Pack Russen herum, Kinder waren dabei - barfuß. Ich traf Bob und Gerard. Wir bewunderten die Bombentrichter […]. Dann sahen wir einen zweiten Schwarm silberweißer viermotoriger Flugzeuge. Hoch flogen sie. Langsam und unbeirrbar. Ich sah hoch über meinem Kopf eine Rauchfahne. Ich sprang in einen Trichter und drückte meine Nase in den Schnee. Ich hörte ein Geräusch, das mich an einen klappernden Waschzuber denken ließ. Die Erde spritzte weg, ich bekam einen Schlag auf meinen Hintern. Ich kroch noch tiefer in das Loch aber es ist nicht mehr nötig, das Bombardement ist vorbei.
Von zwei bis vier habe ich Sonja gesucht und nicht gefunden. Bis ich Tanja [eine Freundin von Sonja] sehe, die mir erzählt: „Sie ist in Deinem Lager; ich begegnete ihr und sie sagte, dass sie zur Dir ginge."
Nach Hause gekommen fand ich ein weinendes Häuflein Elend; mit einer Veramon [ein starkes Schlaf- und Schmerzmittel] ist sie ins Bett gekrochen und sie hat bis acht Uhr geschlafen. Frohes Neues Jahr!
Mehr als 65 Jahre nach diesem Angriff auf das Lager Schützenplatz am 1. Januar 1945 wurden am 1. Juni 2010 drei Kampfmittelexperten bei dem Versuch getötet, eine dieser damals gefallenen, im Laufe der Jahrzehnte tief in das Erdreich gesunkenen, aber noch immer mit einem funktionierenden Zeitzünder ausgestatteten Bomben zu entschärfen. „Todbringende Kriegs-Saat im weichen Erdreich" titelte das Göttinger Tageblatt in seinem, auch auf den Ergebnissen dieser Homepage über Zwangsarbeit in Göttingen beruhenden Artikel über die historischen Hintergründe der Explosion.
Während des Krieges gab es natürlich keine Kampfmittelexperten zur Entschärfung der Bomben. Deshalb wurden, so erinnerte sich ein deutscher Zeitzuge, damals die russischen Zwangsarbeiter in die Bombentrichter geschickt wurden, um die Bomben zu entschärfen. Das sei natürlich oft schief gegangen. Er habe eine solche Explosion zwar nicht gesehen, aber wohl gehört.