NS-Zwangsarbeiter: Belgier (Flamen und Wallonen)

Bei der dritten großen Gruppe von ausländischen Arbeitern, die aufgrund der erfolgreichen Westoffensive des Sommers 1940 ins Deutsche Reich verbracht wurden, bei den Belgiern, handelt es sich in mehrfacher Hinsicht um einen Sonderfall: Zum einen setzte man in Belgien in den ersten Jahren nach der Besatzung auf Freiwilligkeit und führte eine allgemeine Arbeitspflicht erst im März 1942 - ein Jahr nach den Niederlanden - ein, die allerdings dann ab Oktober 1942 und verschärft noch einmal ab März 1943 mit harten Repressionsandrohungen versehen wurde. Zum anderen waren unter diesen Belgiern sehr viele Flamen (in Göttingen um die 75 %), die aufgrund ihrer "germanischen" Abkunft einen privilegierten Status unter den ausländischen Arbeitern genossen und von denen daher besonders viele freiwillig nach Deutschland gingen.

Außerdem war speziell in Göttingen mehr als die Hälfte der belgischen Arbeiter (ausschließlich Flamen) in Göttingen gar nicht für Göttinger Betriebe tätig, sondern wurden als Umschüler für die Junkerswerke in den feinmechanischen Werkstätten Göttingens ausgebildet. Sie waren daher nur kurzfristig (zumeist drei Monate, manchmal auch kürzer) in Göttingen, um dann als ausgebildete Fachkräfte in das Zweigwerk Schönebeck der Junkerswerke zu wechseln. Das Umschulungsprogramm, das 1940 schon an eine Gruppe von 50 dienstverpflichteten Elsässern durchexzerziert worden war und an dem später auch einige Holländer, Tschechen und Franzosen teilnahmen, konzentrierte sich bei den Flamen auf den Zeitraum zwischen Januar 1941 und Mai 1942. Einige von diesen Umschülern gingen allerdings nicht nach Schönebeck, sondern wechselten direkt zur Firma Sartorius.

Auch zwischen Dezember 1942 und Februar 1943 kam noch einmal eine größere Gruppe von belgischen Umschülern nach Göttingen. Die meisten von ihnen waren bis auf wenige Ausnahmen diesmal allerdings die den Franzosen rechtlich gleichgestellten Wallonen. Sie wurden nicht für die Junkerswerke, sondern direkt für die Firma Winkel ausgebildet und waren in einem Lager in dem ehemals den jüdischen Kaufleuten Hahn gehörenden Komplex in der Weender Landstraße 59 untergebracht, von wo sie spätestens ab Janaur 1944 alle in die ursprünglich von der Firma Schöneis aufgestellte und seit August 1943 von Winkel genutze Baracke in der Groner Landstraße 55 wechselten. Insgesamt handelte es sich bei Winkel um etwa 30 belgische Umschüler.

Größere Gruppen von Belgiern - zu zwei Dritteln Wallonen - waren ansonsten in Göttingen nur noch ab Dezember 1941 bei der Reichsbahn beschäftigt. Insgesamt waren schätzungsweise zwischen 80 und 100 belgische Zwangsarbeiter bei der Reichsbahn beschäftigt.

Eine kleine Gruppe von Flamen war ab April 1943 kurzeitig im Flakzeugamt untergebracht. Da die Flamen zum Teil mit den Deutschen kollaborierten oder man ihnen dies unterstellte, waren die im Flakzeugamt arbeitenden Holländer nach Zeitzeugenaussagen sehr misstrausich gegenüber diesen Flamen und hielten bewusst Abstand. Zuverlässige Quellen über die Einstellung dieser Flamen im Flakzeugamt gibt es nicht. Es sind lediglich insgesamt drei Flamen aktenkundig geworden, die alle im August 1944 zur Waffen SS gingen: Einer von ihnen arbeitete bei Cron & Lanz, eine in den Opelautohallen und einer war einer der ehemaligen flämischen Umschüler, der aber als Werkzeugmacher in der von den feinmechanischen Betrieben in Göttingen eingerichteten Ausbildungswerkstatt blieb, bis er eben im August 1944 nach Magdeburg zur Waffen SS ging. Außerdem arbeitete seit Ende Oktober 1944 ein als "Kriegshelfer (Korrespondent)" ausgewiesener Belgier (Wallone) in der Abteilung Dreherei bei der Firma Winkel. Siehe dazu auch Kollaboration bei den Niederländern und bei den Franzosen.

Einzelne Belgier, sowohl Wallonen als auch Flamen, arbeiteten in verschiedenen Göttinger Rüstungsbetrieben, zum Beispiel in den Aluminiumwerken, bei Josef Schneider & Co, bei der Firma Winkel, der Firma Sartorius, bei Spindler & Hoyer, bei Ruhstrat, bei der Phywe, bei Schneider & Co, in der Feinmechanischen Werkstatt August Fischer, im Heeresnebenzeugamt, beim Telegraphenbauamt oder auch bei der Möbelfirma Reitemeier, in den Göttinger Autowerkstätten, bei der Faserholz GmbH, bei den Göttinger Druckern, Fleischern und Bäckern und ganz gegen Ende des Krieges auch bei Feinprüf. Auch einige Dentisten und Zahntechniker arbeiteten seit 1944 in Göttingen.

Frauen arbeiteten zumeist in den Göttinger Universitätskliniken (Fläminnen und Wallonen, auch einzelne Männer), im Gastgewerbe (wie z.B. im Hotel Deutscher Hof) oder in Göttinger Privathaushalten (ausschließlich Fläminnen), finden sich aber auch vereinzelt in den Göttinger Rüstungsbetrieben.

Insgesamt arbeiteten von Januar 1941 bis Kriegsende in der Stadt Göttingen (einschließlich Geismar, Grone und Weende) nach neuesten Schätzungen einschließlich der genannten Umschüler etwa 1000 Belgier (davon 75 % Flamen).

Belgischer Zivilarbeiter (Flame)

Ein Flame, der am 6. Januar 1942 gemeinsam mit einer Gruppe von insgesamt ca 50 Umschülern in die Ausbildungswerkstatt zur Feinhand GmbH kam und im März 1942 in das Zweigwerk Schönebeck der Junkerswerke wechselte; untergebracht war er in einer Villa der Heil- und Pflegeanstalt im Rosdorfer Weg 70.

Belgischer Zivilarbeiter

Belgischer Zivilarbeiter (Wallone), der im Mai 1943 zur Reichsbahn dienstverpflichtet wurde (Lager "Auf der Masch").

Unterbringung/Lager:

  • Die belgischen Umschüler für die Junkerswerke waren zunächst privat oder in Gasthauszimmern und - nachdem im März 1941 schon die Unterbringung in Gemeinschaftsunterkünften angemahnt worden war - von Mai 1941 bis März 1942 dann mehrheitlich in einer Villa der Heil- und Pflegeanstalt im Rosdorfer Weg 70 und danach wieder privat untergebracht.
  • Von Oktober 1941 bis Februar 1943 fungierte das Gasthaus Sültebeck auch als Lager für belgische Zwangsarbeiter (Wallonen) der Reichsbahn. Weitere belgische Reichsbahnarbeiter waren im Gasthaus Zur Linde in Geismar und im Lager Masch/ Grüngürtel untergebracht.
  • Seit Ende 1943 waren Wallonen und auch Flamen (darunter sogar vereinzelt Frauen) auch im Lager Eiswiese untergebracht.
  • Die belgischen Arbeiter der Firma Reitemeier waren im betriebseigenen Lager der Firma in Rosdorf untergebracht.
     


    Belgische Künstler am Städtischen Theater Göttingen. Eine Gruppe von flämischen Künstlern gab im Dezember 1943 in Göttingen ein sog. Mannheimer Gastspiel. Zum 1. Januar 1944 kehrten die Künstler nach Antwerpen zurück.

    Genauigkeit statt wohlfeiler Empörung - Stellungnahme zur Beschäftigung von flämischen Arbeiterinnen bei Cron & Lanz.



    Quellen:

    Die obigen Schätzungen für die Anzahl der belgischen Arbeiter beruhen auf der Auswertung und einer entsprechenden Hochrechnung von 24,12 % der insgesamt 1082 Kisten (Zahl bereinigt um Kisten mit ausschließlich typisch deutschen Namen wie Müller, Schmidt, Schulze) der alten Einwohnermeldekartei, die im Stadtarchiv Göttingen aufbewahrt wird; ergänzt durch: Aufenthaltsanzeigen für Ausländer, Stadtarchiv Göttingen, Pol.Dir. Fach 124 Nr. 15; Register Fremdenpässe, ebd. Ordnungsamt acc. 1047/1991 Nr. 258; Kleine Erwerbung Nr. 192 (Betriebsdatei Winkel), ebd.; Statistiken August/September 1944, ebd. Pol.Dir. Fach 124 Nr. 2, Bl. 541f. , Bl. 544-547; Handschriftliche Statistik vom 16.11.1942-31.12. 1945, Statistiken der Verbrauchergruppen und des Bedarfs an Lebensmitteln vom 19.10.1942-12.11.1944 (nicht vollständig vorhanden), ebd. Ernährungsamt Nr. 50, o.P.; Ausländerliste 1940-1946, ebd., Geismar Nr. 716; Lageraufnahme Belgischer Suchdienst 1949, Niedersächsisches Haupt- und Staatsarchiv Hannover Film 3; Beschäftigungsmeldungen 31.12.1944 R 12I/102 (Reichsgruppe Industrie), Bundesarchiv Berlin Lichterfelde.

    Aktennotiz Janker 10.3.1941, Stadtarchiv Göttingen Sozialamt Acc. 407 NR. 395 Teilakte, Hauptinventarverzeichnis, o.P.

    Zeitzeugenaussage Cees Louwerse Mail vom 3.4.2003, Stadtarchiv Göttingen, Sa. 32- Sammlung Tollmien.

    Aufenthaltsanzeigen für Ausländer, Stadtarchiv Göttingen, Pol.Dir. Fach 124 Nr. 15 (alphabetische Ablage, daraus stammen auch die Fotos).

    Literatur:

    Lutz Budraß, Flugzeugindustrie und Luftrüstung in Deutschland 1918-1945 (Schriften des Bundesarchivs 50), Düsseldorf 1998, S. 665-669.

    Mark Spoerer, Zwangsarbeit unter dem Hakenkreuz. Ausländische Zivilarbeiter, Kriegsgefangene und Häftlinge im Deutschen Reich und im besetzten Europa 1939-1945, Stuttgart München 2001, S. 60 ff.

     


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